Bruckners Leben:

 

Anton Bruckner wurde am 4. September 1824 in Ansfelden geboren. Er sollte, wie sein Vater und auch schon sein Großvater, Lehrer werden. Sein Vater starb schon in Bruckners jungen Jahren. Als Chorknabe kam Bruckner nach St. Florian, wo er erstmals guten Musikunterricht erhielt. Das Stift von St. Florian blieb seine geistige Heimat. Sein Wunsch, unter der Barockorgel der Stiftskirche bestattet zu werden, ist ihm nach seinem Tod am 11. Oktober 1896 (in Wien) erfüllt worden. Im Jahre 1841 wurde Bruckner Schulgehilfe in Windhaag, 1843 in Kronstorf, 1845 in St. Florian und 1848 dort Stiftsorganist. 1856 ging er als Domorganist nach Linz, was für ihn einen größeren Erfolg bedeutete, als er oder seine Eltern sich je hatten träumen lassen. Dennoch hörte Bruckner nicht auf, sein Wissen und Können zu bereichern.

So nahm er in den Jahren 1861 bis 1863 so oft wie wöglich Unterricht in Musiktheorie bei Simon Sechter in Wien. Außerdem arbeitete Bruckner mit dem Linzer Kapellmeister Otto Kitzler die Partituren des Fliegenden Holländer und des Tannhäuser von Richard Wagner durch, um sich mit der von Wagner angewandten Harmoniepalette vertraut zu machen. Bruckner brachte 1868 den Schlußgesang aus Wagners Meistersingern von Nürnberg zur Uraufführung. Wagner selbst hatte er 1865 anläßlich der Uraufführung von dessen Tristan und Isolde in München kennengelernt. Seit 1860 war Bruckner Leiter der Liedertafel Frohsinn in Linz. Für sie schrieb er einige Männerchöre: Am Grabe, 1861; Herbstlied, 1864; Trauungslied, 1865; u.a. In Linz entstanden Bruckners erste ersten bedeutenden Werke der Kirchenmusik: die Messe d-moll, 1864; e-moll, 1866-69, vor allem aber f-moll, die 1868 vollendet wurde, aber erst 1872 in Wien aufgeführt worden ist. Das Benedictus daraus zeigt die Verklärtheit der Adagios in seinen späteren Sinfonien.

Als Sechter 1867 gestorben war, trug man Bruckner die Nachfolge an. Nur zögernd verließ er sein geliebtes Oberösterreich. Er ging zunächst als Lehrer für Theorie und Orgel an das Konservatorium in Wien, 1875 übernahm er außerdem ein Lektorat für Musiktheorie an der Wiener Universität. 1878 wurde er Hofkapellorganist. Bruckner verließ Wien nur selten: 1871 hatte er als Orgelspieler in Nancy, Paris und London große Erfolge. Er war ebenso ein begeisterter Besucher der Bayreuther Festapiele. Als Parteigänger Wagners hätte ihm die Kompositionsweise der Norddeutschen Schule naheliegen müssen. Aber Franz Liszt blieb ihm fremd. Auf die Kirchenmusik kam Bruckner nur noch gelegentlich zurück. Zur großen Sinfonie fühlte er sich ebenso hingezogen wie Johannes Brahms. Ludwig van Beethoven hatte auch für Bruckner die verpflichtenden Formbeispiele aufgestellt, allerdings erweiterte Bruckner diese Form. Dem zweiten Hauptthema fügte er ein drittes hinzu, und seine Themen bilden Gruppen, die bisweilen sogar durch Generalpausen voneinander getrennt sind. Die erste Gruppe wird gern aus dem Tremolo der Streicher entwickelt, zeigt dann aber dramatischen Glanz. Die zweite Gruppe ist lyrisch gesanglich, während die dritte Gruppe von August Halm als episch beschrieben wurde. Die erweiterte Dramatik drängt zu einer breiteren Verarbeitung. Daher übertreffen die Sätze Bruckners in ihren Maßen alles bei Beethoven und Brahms Erlebte. Die Sinfonie Nr.8 pflegt man als einziges Werk eines Konzertes aufzuführen.

Bruckner erfüllte die Form der Sinfonie mit einer stark von Wagner beeinflußten Sprache, indem er dessen Harmonik und Klangwelt weitgehend zu der seinen machte. Sein immer wiederholtes Bekenntnis zu Wagner erschwerte seine Wiener Stellung. Brahms wurde als Gegenpapst erklärt, von Freunden und seinem Propheten Eduard Hanslick. Leider fällte auch Brahms groteske Urteile über Bruckner: Seine Sinfonien bezeichnete er als "Schwindel". Hinter Bruckner standen viele Gleichgesinnte, deren Einfluß leider nicht ausreichte, um zahlreiche Aufführungen der Brucknerschen Sinfonien durchzusetzen. So hat Bruckner zwei seiner Sinfonien, nämlich die Nr.5 und Nr.9, nie gehört, die Nr.6 nur zur Hälfte. Das war gerade für Bruckner ein großer Verlust, weil er fast keine Erfahrung im Umgang mit dem Orchester und dessen Instrumentierung besaß. An Bruckner war die Verweltlichung im 18. und 19. Jahrhundert vorübergegangen. Gott war für ihn keine Frage, sondern Ursache und Gehalt seiner Existenz. Seine Werke sind keine Auseinandersetzung mit Gott, sondern Bekenntnisse zu ihm. Die andere Kraft strömte Bruckner aus seiner Verbundenheit mit der oberösterreichischen Landschaft zu. Das sanftgewellte Hügelland zwischen St. Florian und Linz wurde ihm zum Urerlebnis. Die Ländler und Weisen diese Gegend hatte er als junger Schulgehilfe kennengelernt und auf dem Tanzboden gespielt. Ihr Wiegen und Lächeln ging in die zweiten Themen seiner Sonatensätze und in die Scherzi ein.

Die höchste Ehrung in Bruckners Leben war die Verleihung des Dr.h.c., 1891. Der Rektor der ehrwürdigen Wiener Universität verbeugte sich vor dem ehemaligen Schulgehilfen aus Ansfelden. 1892 mußte Bruckner seine Tätigkeit wegen Krankheit aufgeben. Seitdem bewohnte er einen Seitenflügel des Schlosses Belvedere, den ihm der Kaiser zur Verfügung gestellt hatte. Bruckner starb am 11. Oktober 1896 in Wien.

Der unverheiratete Bruckner galt in Wien als Sonderling, über den zahlreiche Anekdoten verbreitet wurden. Sein Sprachschatz und seine Vorstellungswelt blieben begrenzt. Dagegen ließ schon sein scharf gemeißelter Schädel erkennen, daß er im Bereiche der Kunst ein Bauherr von höchstem Range war, und aus mancher Äußerung spricht trotziges Wissen seiner Größe. Bruckner war Bauer und Imperator in einem, zwar von urtümlicher Kraft, aber auch von schweren Nervenleiden mehrmals niedergeworfen. Er wirkte wie einer der großen Zeitlosen, die nicht ganz auf dieser Erde wandeln und noch unbegreiflicher sind als andere Tonschöpfer.

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